Wenn du deine Arbeit magst, aber nicht mehr gerne zur Arbeit gehst
Deine Aufgaben interessieren dich, und du möchtest in deinem Beruf bleiben. Trotzdem denkst du über einen Wechsel nach. Vielleicht lohnt es sich, nicht nur auf deine Tätigkeit, sondern auch auf dein Arbeitsumfeld zu schauen.
Du hast einen anspruchsvollen Arbeitstag vor dir. Ein Projekt soll abgeschlossen werden, am Nachmittag steht ein Kundentermin an. Fachlich freust du dich auf beides. Du kennst die Aufgaben, kannst deine Erfahrung einbringen und weißt, was zu tun ist.
Trotzdem gehst du morgens nur ungern ins Büro.
In Besprechungen werden Rückfragen schnell als Kritik verstanden. Entscheidungen ändern sich, ohne dass die Gründe erklärt werden. Wenn etwas nicht funktioniert, wird vor versammeltem Team nach Schuldigen gesucht. Du überlegst inzwischen sorgfältig, welche Themen du ansprichst und welche du lieber für dich behältst.
Am Ende des Tages bist du weniger mit deiner Arbeit unzufrieden als mit der Art, wie sie in diesem Unternehmen stattfindet.
Und irgendwann taucht die Frage auf: Möchte ich überhaupt noch in diesem Beruf arbeiten?
Was zu deiner Arbeit gehört – und was zu deinem Arbeitsumfeld
Wenn du beruflich unzufrieden bist, liegt es nahe, zunächst auf deine Aufgaben zu schauen. Interessiert dich dein Fachgebiet noch? Möchtest du mehr Verantwortung übernehmen? Würdest du lieber etwas anderes machen?
Doch zu deiner beruflichen Situation gehört mehr als die Tätigkeit selbst.
Es macht einen Unterschied, ob du fachliche Fragen offen besprechen kannst oder bei jeder Rückfrage mit einer abwertenden Reaktion rechnest. Ob Entscheidungen nachvollziehbar getroffen werden oder du ständig versuchen musst, unausgesprochene Erwartungen zu erraten. Ob du mit Kollegen zusammenarbeitest, die unterschiedliche Meinungen zulassen, oder ob Einwände grundsätzlich unerwünscht sind.
Du kannst deine Aufgaben mögen und trotzdem in einem Arbeitsumfeld tätig sein, das dich belastet.
Das eine ist kein Widerspruch zum anderen.
Nicht jede Unzufriedenheit verlangt nach einem neuen Beruf
Stell dir vor, du wechselst in ein anderes Unternehmen. Dein Fachgebiet bleibt dasselbe. Auch deine wesentlichen Aufgaben ändern sich kaum.
Was sich verändert, ist die Zusammenarbeit. Du kannst Fragen stellen, ohne dich rechtfertigen zu müssen. Du weißt, wer Entscheidungen trifft und was von dir erwartet wird. Unterschiedliche fachliche Einschätzungen werden besprochen, statt persönlich genommen zu werden.
Vielleicht stellst du unter diesen Bedingungen fest, dass du deine Arbeit nach wie vor gerne machst.
Ein solcher Wechsel löst nicht jedes berufliche Problem. Er zeigt aber, warum es sinnvoll ist, zwischen deiner Tätigkeit und den Bedingungen, unter denen du sie ausübst, zu unterscheiden.
Bevor du dich für eine neue berufliche Richtung entscheidest, lohnt sich deshalb die Frage: Was genau möchte ich hinter mir lassen – meine Aufgaben oder die Art, wie ich sie hier erledigen muss?
Respekt ist keine Frage persönlicher Passung
Nicht jede Schwierigkeit in der Zusammenarbeit bedeutet, dass ein Arbeitsumfeld ungeeignet ist. Unterschiedliche Meinungen, kritisches Feedback oder anspruchsvolle Entscheidungen gehören zum Berufsleben.
Wiederholte Herabwürdigungen, Einschüchterungen oder persönliche Angriffe sind jedoch etwas anderes. Sie sollten nicht als bloße Frage behandelt werden, ob du „gut genug“ mit einer bestimmten Unternehmenskultur zurechtkommst.
Arbeitspsychologische Forschung zeigt einen Zusammenhang zwischen respektlosem Verhalten am Arbeitsplatz und der Absicht von Beschäftigten, ihre Organisation zu verlassen. Daraus lässt sich nicht ableiten, wie sich eine einzelne Situation entwickeln wird. Es unterstreicht aber, dass der zwischenmenschliche Umgang ein relevanter Bestandteil der Arbeitsbedingungen ist.
PubMed
Die Verantwortung für einen respektvollen Umgang liegt nicht allein bei dir. Wenn du wiederholt schlecht behandelt wirst, musst du nicht zuerst herausfinden, wie du dich besser daran anpassen könntest.
Was soll in deinem nächsten Arbeitsumfeld anders sein?
Wenn du über einen Wechsel nachdenkst, kannst du genauer unterscheiden, was du an deiner heutigen Arbeit behalten möchtest und was sich verändern soll.
Vielleicht möchtest du weiterhin eng mit Kollegen zusammenarbeiten, aber fachliche Fragen offener diskutieren können. Vielleicht brauchst du klarere Zuständigkeiten, verlässlichere Absprachen oder eine Führungskraft, die Entscheidungen erläutert und Kritik sachlich äußert.
Solche Wünsche lassen sich bei der Suche nach einer neuen Position nicht immer anhand einer Stellenanzeige beurteilen. Du kannst aber im Bewerbungsprozess gezielter nachfragen, wie Entscheidungen getroffen werden, wie Teams zusammenarbeiten und wie mit unterschiedlichen Einschätzungen umgegangen wird.
Vielleicht wird dabei deutlich, dass du eine andere Aufgabe suchst. Vielleicht möchtest du vor allem deinen Arbeitgeber wechseln. Oder du erkennst, dass mehrere Aspekte deiner beruflichen Situation nicht mehr passen.
Du musst deinen Beruf nicht aufgeben, nur weil du an deinem derzeitigen Arbeitsplatz nicht mehr gerne arbeitest. Manchmal ist nicht die Tätigkeit das Problem, sondern das Umfeld, in dem du sie ausübst.